Vorträge

Sesshin in Puregg, März 1990

Das Sesshin nähert sich seinem Ende. Vor ein paar Tagen haben wir es angefangen. Die Zeit geht so schnell vorbei, dass ein Gefühl entsteht, als hätten wir erst angefangen. Ich bin sehr froh, dass jeder so gut sitzt und ich glaube, das Sesshin ist eine grosse Hilfe für euer physisches und psychisches, emotionales Wohlbefinden.

Bevor ich anfange über das Sitzen zu reden, möchte ich erst ein paar Worte meinem Freund Katagiri Roshi widmen. Er ist gestern gestorben, Es war keine Überraschung, wir waren alle darauf vorbereitet, aber trotzdem ist es herzzerbrechend. Katagiri Roshi starb an Krebs. Mit eurer Hilfe möchte ich Morgen eine kurze Zeremonie machen, wo wir unsere Praxis hinüberschicken zu der Sangha von Katagiri Roshi.

Zazen zu praktizieren und eine gemeinsame Praxis von ungefähr 20 Jahren zu haben ist für mich ein besonderes, und merkwürdiges Gefühl. Damals angefangen mit Shunryu Suzuki Roshi - und Jetzt der Abschied von Katagiri Roshi. Selbst jüngere Leute als ich sterben und das lässt mich immer wieder fragen: "Was geht hier vor sich, dass diese Leute gehen? Das Wichtigste für ein Menschenleben ist die Frage von Leben und Tod zu klären. Die Frage nach dem Sinn des Lebens hat die Menschheit schon seit Urzeiten beschäftigt. Diese Frage sollte sich jeder mindestens einmal pro Tag stellen und jeder für sich kann und muss sich damit auseinander setzen. Jeder für sich kennt und hat das Gefühl, wie es ist "in Ordnung zu sein". Dieses Gefühl müssen wir uns selbst geben. Solange wir das nicht bei uns selbst finden ist es nicht in Ordnung, weil es uns ein anderer nicht bestätigen kann.

Es ist eine religiöse Erfahrung, dass nicht nur unser Gefühl in Ordnung ist, sondern, das wir auch tief emotional und vertrauend nachvollziehend können, das es in Ordnung ist. Meistens ist es sehr schwer, sich selber zu akzeptieren. Dieses „in Ordnung“ sein ist der zentrale Punkt. In Indien lebte ein König und eines Tages fragte er sein Gefolge: "Wen liebst du am meistens?" Die meisten sagten: "Dich König liebe ich am meisten", nur seine erste Frau sagte: "mich selbst liebe ich am meisten" - und der König war glücklich mit so einer ehrlichen Frau.

Wenn jemand aus dem Bekanntenkreis stirbt, ist unsere Reaktion meistens ein überprüfen; "ist bei mir noch alles OK?" Irgend wie ist der Tod eine Sache für die Andern. Oft ist dies unsere Reaktion. Wir haben ein unglaubliches Vertrauen in unsere vitale Lebenskraft. Jetzt müssen wir uns mit der Frage auseinander setzten: "Wie können wir unserem Leben einen Sinn geben?" Das ist das zentrale Anliegen unserer religiösen Bemühung.

Gestern Nacht ist mir das Bild vom gekreuzigten Jesus vor die Augen gekommen. Der Körper war noch weich und blutüberströmt, aber es war kein Leiden mehr da. Es war kein trauriges Bild. Wenn diese Geschichte wahr ist, hat er viel erreicht mit unglaublichem Mut. Jedes Mal wenn ich daran denke, wie sein Bewusstseinszustand war, bin ich hin und hergerissen. Grossen Vorwürfen, politischem Druck, Unruhen etc. ist er in seinem Leben begegnet. Aber das war nicht sein Anliegen. Sein Anliegen war sein Leben zu leben im Geiste seines Vaters. Neben Buddha ist Jesus Immer mein Meister gewesen. Meine Mutter war Christin, bevor sie meinen Vater kennengelernt hat.

Mein Hin und Her Gerissensein entsteht aus dem Gefühl, dass ich so mutig leben will wie Jesus, aber nicht auf dem Kreuz enden will. Schon als Kind war ich ein passionierter Kämpfer gegen Ungerechtigkeit. Ich bin geboren im Jahr des Tigers. Auch in der Zeit von Shakyamuni Buddha waren viele Unruhen und seine ursprüngliche Sangha war eher eine freie Gruppe, die sich nicht fesseln liess durch das Kastensystem und darüber hinaus ging. Die Sangha von Shakyamuni Buddha hat dieses Kastensystem gesprengt und weil damals sehr viel Unsicherheit herrschte, war das Bedürfnis nach Orientierung und einem Retter oder einem spirituellen Leiter sehr gross.

Wir haben schon über Satori und Rettung gesprochen. Gerettet wird man aus der Not z.B. beim Ertrinken. Ein Mensch steht kurz vor dem Ertrinken; er kann nicht mehr und plötzlich kommt eine Hand und rettet ihn. Das ist Rettung. In der buddhistischen Philosophie gibt es Rettung und Erlösung oder Erwachen. Rettung ist also etwas anderes, als ein tiefes innerliches Entschlossensein zu sitzen.

Für mich war das Bild von Jesus und Adam immer das gleiche. So war für mich das Bild von Eva und Maria auch das gleiche. Was mich an Christus fasziniert, ist, was es heisst Messias zu sein und auf der anderen Seite, was es heisst, gerettet zu werden. Schwierig zu verstehen ist die Tatsache von „Einziger Sohn Gottes“. Adam war auch der Einzige und er hat es verstanden im Sinne von "mein Leben ist einzig".

„Zwischen Himmel und Erde bin ich der Einzige - Himmel und Erde bin ich.“ Der Legende nach machte Buddha bei seiner Geburt sieben Schritte in alle Richtungen und sagte: "Zwischen Himmel und Erde bin ich König - Himmel und Erde bin ich". Diese Erkenntnis, dass wir wirklich alleine sind und dass man das Leben und alle Lebewesen schützen muss, ist ungefähr 2000 Jahre alt. Wir können das den modernen Menschen nennen. Um Überleben zu können, müssen wir ein neues Bewusstsein entwickeln. Etwas Neues - etwas Erneuerndes - jeden Tag. Total neu braucht es nicht zu sein aber etwas Neues und jeden Tag.

Wenn wir suchen, werden wir es finden und ich freue mich und möchte gratulieren, weil wir immer noch leben. Das ist eine Chance. Die Chance Zazen praktizieren zu können. Wie ein Same in einer Frucht, gut geschützt mit dieser einmaligen Chance zu keimen. Wenn wir nur für einen Moment still sitzen, ist das sicher eine wichtige Sache. Wenn wir uns bewegen, können wir es nur mit Ignoranz. Wenn wir etwas tun wollen, müssen wir uns auf diese Aktivität oder Handlung konzentrieren und das andere ignorieren. Aber im erleuchteten Zustand - im Zazen - gibt es nichts zu ignorieren. Denn wenn wir uns nicht bewegen, ist es still und es gibt kein Suchen und Streben - Stille.

Dieser Raum geht über das Denken hinaus. Wenn wir darüber reden, geht es verloren. In der Stille haben wir die Möglichkeit uns zu öffnen. So bald wir darüber reden, entzieht sie sich uns. Wir sind wie eine Schaumblase am Strand. Wir sind da und plötzlich nicht mehr und lösen uns wieder auf in die Elemente. Jetzt haben wir die kurze Chance in dieser Stille die Essenz des Lebens zu erfahren. Vielen Dank.