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Anekdoten
Das Ziel der Praxis
Von Jeff Brooks
Kobun Chino konnte ein Blatt Gras aus 25 m Entfernung
spalten. Seine Studenten beobachteten ihn viele Male dabei. An einem Frühlingstag
fuhr er mit einem seiner Studenten am Pacific Coast Highway entlang. Er hielt
das Auto am Strassenrand an, öffnete den Kofferraum und zog einen zwei
Meter langen Japanischen Bogen und einem Köcher mit handgeschnitzten Pfeilen
heraus.
Sie schritten über die Strasse zur Klippe,
von welcher man die wogende Brandung und den unendlichen, sich bis zum Horizont
erstreckenden Pazifik überblickte. Hätte der Student empor gesehen,
so würde er den gleichmässig blauen und wolkenlosen Himmel über
dem Pazifik gesehen haben, aber sein Blick war auf die Hände seines Lehrers
fixiert, der meisterhaft den Pfeil auf die Bogensehne legte und, mit einem leichten
Einatmen, die Sehne bis zum Maximum spannte, seine Arme und Rücken wurden
Teile des Bogens, sein Blick war so scharf wie die Spitze des Pfeiles.
Die Welt erstarrte für einen Moment, und
dann, den Lärm der Brandung überdeckend, kam das Geräusch des
sich lösenden Pfeiles, der „matsu kaze“, der Kiefernwind, als
die Sehne des Bogens zum Stillstand kam. Der Pfeil flog in einem hohen, gigantischen
Bogen über den Ozean.
Kobun Chino war ein Zen Mönch. Er unterrichtete
in einem kleinen Zentrum in Los Altos und in Santa Cruz. Suzuki Roshi, der Gründer
und Leiter des Zen Center of San Francisco, hatte ihn eingeladen, von Japan
in die USA zu kommen, um ihm beim Aufbau des neu gegründeten Klosters Tassajara
zu helfen. Aber Kobun war kein Freund von grossen Institutionen und suchte ein
einfaches, meditatives Leben.
In den späten 60er Jahren besuchte Suzuki
Roshi das kleine Zendo eine Zeit lang jeden Mittwoch und gab dort nach dem Sitzen
einen Dharma Vortrag. Die Reden die er dort hielt, wurden später unter
dem Titel: „Zen Mind Beginner’s Mind“ („Zen Geist -
Anfänger Geist“) veröffentlicht, bis heute eines der einflussreichsten
Zen Bücher.
Für einen Moment verschwand der Pfeil, gegen
das Leuchten des kalifornischen Himmels, vor den Augen des Studenten. Er tauchte
wieder auf, ein Federstrich gegen das Blau, schwebte, und begann seinen langen
Abstieg und verschwand schliesslich graziös im Wasser. Die Männer
brachten den Bogen und den leeren Köcher zurück in den Kofferraum
ihres Wagens und fuhren davon. Heute ist der Student dieser Geschichte in seinen
Sechzigern, und er erzählte kürzlich bei Kerzenlicht in einer Winternacht
in Neu England in unserem kleinen Zendo von dem Tag mit seinem Lehrer vor 35
Jahren.
Hätte ein Fremder oder ein Neuling diesen
jungen Mönch gesehen, wie er Pfeile in die See hinaus schoss, hätte
er vielleicht geglaubt, dass der Mann die Pfeile verschwendet. Aber dieser Student
sah Kobun ein Blatt Gras aus einer Distanz von 25 Meter spalten. Dieser Student
kannte Kobun als einen leichtherzigen, aber tief ernsten Mann. Und beide wussten,
dass Lehrer lehren. Selbst wenn sie keine gemeinsame Sprache miteinander teilen,
so teilen Studenten und Lehrer ihr Leben miteinander. Und ihre intime karmische
Verbindung kann das Wesentliche in Lebenssituationen manchmal besser vermitteln,
als jede gesprochene Sprache.
Was war es, das Kobun an diesem Tag lehrte? Können
wir sagen, dass Kobun seinem Studenten ein Koan auf gab? Wörtlich genommen
ist ein Koan eine öffentliche Sache, ein Ereignis, das weiter gegeben und
einer Prüfung und einem Abwägen unterworfen wird. In China bezeichnete
das Wort einen Präzedenzfall, welcher zur Interpretation des Gesetzes herangezogen
wurde. In der Zen Tradition ist das Koan eine öffentliche Sache, die sich
auf das Thema Erleuchtung bezieht, auf die Natur der letzten Realität.
Wollte Kobun sagen: „Nur diesen Augenblick“?
Wollte er zu seinem Studenten, einem engagiert Praktizierenden, sagen: „Befasse
Dich nur mit dem Prozess, nicht dem Ziel“? Vielleicht wollte er ausdrücken,
dass in der Praxis, wie im Leben, es kein besonderes Ziel gibt. Dass, ungeachtet
dessen, wie perfekt unser Ziel definiert ist, die Flugbahn unserer Gedanken
ins Unendliche geht, die Flugbahn unseres Lebens ins Unendliche geht; dass das
einzige was wir wirklich haben, der Punkt auf dem Weg ist, auf dem wir uns gerade
jetzt befinden; die einzige Handlung die wir ausführen können die
Handlung ist, die wir gerade jetzt ausführen. Vielleicht wollte er auch
einfach nur sagen: „es macht Spass Pfeile in den Himmel und in den Ozean
zu schiessen“.
Metaphysische Spekulationen helfen da nicht weiter,
nur der direkte Einblick in die Natur der Realität befreit uns vom Leiden,
dauerhaft und ganz. Kobun Chino verstarb kürzlich beim Versuch, seine 5-jährige
Tochter aus einem Badeteich zu retten. Das veranschaulicht auf dramatische Weise
den Lebensweg dieses grossen Zen Lehrers. Was er in diesem speziellen Moment,
vor so vielen Jahren lehrte, hat uns hier und jetzt inspiriert, es scheint,
dass sein Leben weiter durch Raum und Zeit fliegt.
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